Schneeschuhwanderung zu den Schneehühnern im Kleinwalsertal 25.02 – 01.03.2009
So erwartungsvoll kündigte Björn seine dritte Tour zur Schwarzwasserhütte an.
Er machte die neugierig, die noch nicht dort waren und bestätigte diejenigen, die mit ihm zum zweiten oder dritten Mal mitfuhren. „Die Schwarzwasserhütte versteckt sich im hintersten Winkel des romantischen Schwarzwassertals. Die leicht zu erreichende Alpenvereinshütte verfügt über Zimmer und Lager mit fließend Kalt- /Warmwasser und Dusche gegen Gebühr. Der Chef kocht selbst und ist ein Garant für hervorragende Küche.“ Björn hat mit dieser Werbung die Interessenten gelockt. Was er nicht wusste war, dass uns eine traumhafte Kulisse in weiß erwartete, umgeben von den Allgäuer Bergen in meterhohem Schnee bei 2 Tagen Kaiserwetter von insgesamt 4 Tagen. Der Hohe Ifen, die „Schichttorte“, war ob der hohen Schneeauflage zu einer Riesensahnetorte geworden und wurde zum beliebtesten Fotomotiv. Was Björn zweitens nicht wusste war, dass wir mit der Lawinenstufe 4 klar kommen mussten. Dazu dann später.
Die Anreise mit 3 Autos und 11 Schneeschuhwanderern, (den „Profis“ Wolfgang, Marion, Sebastian und Robert, den bereits „Erfahrenen“ Judith, Bernhard und Peter sowie den „Anfängern“ Harald, Gunter und Heidi) nach Obersdorf verlief planmäßig. Am gebührenfreien Skitourengeher-Parkplatz Hirschegg waren für uns die Buchten für die Autos schon freigeschaufelt. Wir konnten, nachdem alle ihre Rucksäcke gesattelt hatten, mit den Schneeschuhen im Tiefschnee parallel zur Autostraße losmarschieren. Nach wenigen Metern schockte uns ein entgegenkommender Kleinbus mit der Nachricht:
„Bei der Auenhütte steht die Bergwacht und lässt wegen der hohen Lawinengefahr keinen mehr durch“. Björn ließ sich in keiner Weise beunruhigen und informierte per Handy den Wirt, dass wir auf dem Weg seien.
Der Wirt gab sein o. k. und Björn zu verstehen, den bekannten Weg zu gehen. Da sei keine Gefahr. Zugleich nahm er die Wünsche für das Abendbrot entgegen. Es war also alles im grünen Bereich. In einer schon gelegten Schneeschuhspur, die sich mit jeder Person tiefer nach unten drückte, stapften wir durch den Wald. Auf der ersten freien Fläche prallte die Sonne erbarmungslos auf uns. Wir machten eine Trinkpause und genossen das herrliche Bergpanorama. So schön kann eine Schneelandschaft sein, die nicht nur blank weiß ist, sondern durch Licht und Schatten wie ein 3D- Film wirkt. Die „jungen Wilden“ Sebastian und Robert waren voller Tatendrang und liefen öfter vor und zurück (besonders wegen geeigneter Fotomotive). Sie stellten ihre Kraft aber auch beim Berganstieg zur Hütte der Schwächsten der Gruppe zur Verfügung. Björn mahnte, dass wir alle gemeinsam ankommen wollen und es einzelne Sprintaktionen nicht geben soll. Der Wirt mag das nicht, wenn eine Gruppe einzeln „angekleckert“ kommt.
Nach dem Erreichen der Hütte und dem Einrichten in den Zimmern fanden wir uns beim ersten üppigen Essen zusammen. Danach war noch keine Freizeit. Björn führte im Nebenraum die erste Theoriestunde durch.
Es sollte am nächsten Tag ja gleich richtig losgehen. Dazu mussten wir erst den Umgang mit den LVS - Geräten erlernen. Wichtigste Erfahrung zum Ersten: Der Piepser wird am Körper unter dem obersten Kleidungsstück getragen. Zum Zweiten: Bei Verlassen der Hütte wird das LVS eingeschaltet. Für den Laien war das zunächst fast „übertrieben“ vorsichtig. Als in der Nacht in der Umgebung der Hütte kleine Lawinen abgingen war klar, es kann einen auch schon an der Hütte erwischen. Also galt, dass alle Hinweise, die Björn gibt, von Anfang an ernst zu nehmen sind.
Am nächsten Tag gab es einen Wetterumschwung. Vorbei war es mit der Sonne und der herrlichen Sicht auf die Gipfel rundum. Wir hatten aber ohnehin Ausbildung, und da war das aktuelle Wetter zweitrangig. Nach dem Heraustreten aus der Hütte gab es den LVS – check – up. Die beiden „Kochjungs“ machten das vorbildlich, die anderen lernten das noch, so schnell fertig zu sein. Gleich hinter der Hütte befanden sich ein kleiner Hang und ein passendes Schneefeld, in dem die „Verschütteten“ auf Hilfe warteten. Es war unglaublich, wie kompliziert sich die ersten Suchversuche anließen. Entweder stimmte nicht gleich die Richtung oder das LVS - Gerät wurde nicht tief genug angesetzt. Letztlich fand auch der letzte Sucher den verbuddelten Rucksackdummy. Aber ein Ernstfall hätte das nicht sein dürfen. Die Zeit für das Auffinden unter der Schneedecke war zu lang. Na, wir werden noch weiter üben müssen. Schneefall setzte ein und baute die ohnehin hohe Schneedecke weiter auf. Um sich in dem Gelände mit den Schneeschuhen sicher bewegen zu können, wurde das „Bergauf- und Bergab“ geübt. Bergab war sehr ungewohnt, weil man direkt in der Falllinie gehen muss. Alle waren mit Eifer dabei, und es klappte auch ganz gut. Zu den Kenntnissen der Lawinenopferbergung gehört auch Wissen über die Zusammensetzung des Schnees und die Messung der Hangneigung. Für letzteres hatten wir eine Snowcard und wenn nicht bei der Hand, dann galt das alte Rezept der Winkelbildung mit den Skistöcken.
Über 30° soll der Hang nicht mehr betreten werden, da der Abgang eines Schneebrettes droht. Um die Zusammensetzung des Schnees zu veranschaulichen, schaufelten wir uns abwechselnd warm, indem wir eine Schneewand freilegten. Da wurde so richtig ersichtlich, wie hoch der Schnee lag. Björn verschwand förmlich in der Schneegrube. Fortan begleitete uns die Warnung der Lawinen bis zu unserer Abreise. Am Nachmittag klarte es etwas auf. Wir wagten uns zum Gerachsattel, indem wir dorthin eine eigene Spur legten.
Die Nacht über wackelte der Wind an den Läden. Als wir früh aus dem Fenster blickten, erkannten wir ohne Messgeräte den Zuwachs an Schnee. Unglaublich, was da in der Nacht herunter gekommen war, und es stürmte und schneite weiter. Ungeduldig warteten wir vor dem Frühstück auf das Fax, das uns über das aktuelle Wetter informierte: Lawinenwarnstufe 4 wurde gemeldet. Was nun?
Im Bereich der Hütte konnten wir uns aufhalten, und das Üben der Rettung von Verschütteten stand ohnehin auf dem Plan. Nahe der Hütte ist ein Ausbildungs- und Übungsgelände mit 7 stationär installierten LVS – Geräten eingerichtet worden. Björn „aktivierte“ per Funk die einzelnen „Opfer“ in unterschiedlicher Anzahl und Entfernung. Hier konnte man nicht ahnen, wo das aktivierte Ziel lag. Bei zunehmendem Schneefall und beißendem Wind musst jeder ran. Es war mehr als unangenehm. Aber wie mag es Suchtrupps ergehen, die um Menschenleben ringen? Bei uns war alles im heiteren und lustigen Bereich, und je schneller wir fündig wurden, desto mehr wuchs der Ehrgeiz, die Bestzeit zu erzielen. So verging trotz Wetterunbill die Zeit wie im Flug, und die Sonne kämpfte sich durch die Wolkendecke. Nun war der Weg frei für einen Gipfel. „Aber nicht unter diesen Bedingungen“ wehrte Björn ab. „Wir können unser geplantes Programm nur in einer abgespeckten Form absolvieren. Die Sicherheit für uns alle ist oberstes Gebot.“ Björn gab strikte Anweisung, wie die Mannschaft bergan zu gehen hat: in 10m - Abständen und in Serpentinen. Keine Alleingänge. Bis das jeder verstanden hatte, dauerte es und wiederholte sich auch am nächsten Tag. Björn stand zwischen Baum und Borke. Gern wollte er den Wunsch nach einem Gipfel - Aufstieg erfüllen. Gleichzeitig stand er aber als Tourenleiter in der Verantwortung. Es passierten rund um unser Gebiet Lawinenabgänge, und es galt die Stufe 4; bei 5 hätten wir sowieso „Hausarrest“ gehabt. Wir waren also mehr als zufrieden, dass Björn nichts riskierte und eine Art „Schutzschirm“ über uns hielt. Die Lawinenkunde mit den Übungen war eingebettet in eine Wirklichkeit um uns, die jeder auch Ernst nahm. Erlebten wir doch die Lawinenabgänge aus nächster Nähe. Das flößte schon Respekt ein. Nach dem Aufstieg bis zum Winterschutzgebiet des Wildes beobachteten wir dort einen herrlichen Steinadler und genossen die Bergwelt, die wir tags zuvor gar nicht sehen konnten.
Nach dem Abstieg über den Gerachsattel kam bei einer Pause Peter auf die Idee: „In diesem jungfräulichen Schnee könnten wir mal ein Labyrinth legen, sozusagen als Übung im Neuschnee.“ Alle waren gleich dafür. Wir legten zwei Spiralen. Am nächsten Tag, es war Kaiserwetter, bewunderten wir unser „Kunstwerk“ von oben und ließen für Unbekannte die Vision von einem Werk der Außeridischen offen.
Dieser letzte und schönste Tag stand aber wieder unter dem Omen der Lawinenwarnstufe 4 mit strengsten Verhaltensregeln. Es war „nur“ der Aufstieg zum Bellingerköpfle (1994 m) möglich. Der Weg zum Hehlekopf (2058 m) war zu riskant.
Zwei Hochtourengeher sahen wir dort im Aufstieg, sehr vorsichtig am Grat. Danach schwangen sie sich in herrlichen Bögen hinunter. Es waren Könner und sie hatten offensichtlich auch Ahnung von Lawinenkunde und waren nicht für andere verantwortlich.
An diesem herrlichen sonnigen Wintertag, der schon damit begann, dass vor uns Spuren vom Schneehuhn und Schneehasen gelegt waren, zog Björn noch einmal alle Register des Lehrganges, insbesondere beim Gehen im steilen Gelände. Den Ernst der Lage an diesem Hang schätzte er richtig ein. Für uns war es Mutprobe und ein Riesengaudi zugleich. Vor allem ein Steilabstieg in Falllinie von ca. 30 m. Dieser Tag hat bei vielen auch ernste Spuren an Nase und Wangen hinterlassen, trotz eincremen. Aber das sind dann sichtbare Erinnerungen an die Tage im weißen Land bei brennender Sonne.
Am letzten Abend war der Tisch wie immer mit leckeren Speisen gedeckt. Aber der Hunger und der Bierdurst waren größer denn je. Wir hatten ja körperlich etwas gemacht. Den Abend ließen wir mit Spaß und Witz aber auch mit ganz ernsten Gesprächen ausklingen. An den anderen Abenden führten die Älteren die Jüngeren an das Skatspiel heran. Mancher Tipp wurde gegeben, manches Auge zugedrückt, damit die Jungen nicht auf der Verliererseite waren. Es war eine Art der gegenseitigen Hilfe, denn die Jungen hatten tagsüber ein größeres Pensum an Einsatz erbracht, damit die älteren in den vorgegebenen Spuren leichter gehen konnten. Jeder war zufrieden mit den vier schönen Tagen und Björn ganz besonders, denn es lief alles gut ab. Wir haben den guten Ratschlägen der Hütte, die in Holz gebrannt über dem Speisetisch hingen, voll entsprochen:
„Wie oft bist du am Berg schon umgekehrt?
Es war nicht Feigheit, was der Berg dich lehrt!
Fällt auch dem Leichtsinn noch ein Gipfel in den Schoß
Doch im Verzicht zeigt sich der Meister groß!
Solange du lebst, führst mit dir selbst den Krieg,
sich selbst bezwingen – schönster Gipfelsieg!“
Am nächsten Morgen bedankten wir uns beim Wirt und seiner Mannschaft für die gute Versorgung und bei Björn für seine sichere und zuverlässige Routenführung. Als Geburtstagkind bekam er extra eine Laudatio und den Wunsch mit auf den weiteren Lebensweg, noch viele solche Geburtstage mit Bergfreunden erleben zu können. Die jüngere Generation ist zu größeren Herausforderungen bereit, die mittlere Generation war dem Pensum der Anforderung bestens gewachsen und die ältere Generation ist dankbar, so etwas noch einmal erlebt zu haben. Tourenführer wie Björn werden also weiter gebraucht.
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.
Heidi und Gunter Steinbrück