Meuterei am Watzmann

Als wir unser Ausbildungswochenende mit Markus Fink im Blaueisgletscher zu Beginn der Bergsaison 2002 in den Berchtesgadener Alpen erfolgreich abgeschlossen hatten (siehe Horizont Heft 1/2002), dachte keiner von uns daran, dass es zu Saisonende eine Fortsetzung geben wird. Von der Blaueis- und der Schärtenspitze hatten wir im Mai die Westseite des Watzmannmassivs mit dem Watzmannhaus und allen 3 Gipfeln im Blick und einige von uns meinten, dass es bestimmt lohnend wäre, dieses Wahrzeichen der Region zu besteigen und eventuell sogar zu überqueren.


Der Plan, ursprünglich als „Ostwandtour“ nur von wenigen Bergfreunden initiiert, wurde begeistert auch von den anderen „Blaueisfreunden“ aufgenommen. Am 3. Oktober fuhren dann 10 Bergfreunde mit Markus nach Berchtesgaden. Der ursprüngliche Plan, die Watzmann-Ostwand zu durchsteigen, wurde gleich bei der Ankunft durch 85 Zentimeter Neuschnee und unsichere Wetterverhältnisse vereitelt. Alles klappte bestens, vom Wimbachtal aus (ca. 700 m über N.N.) ging es bei wunderschönem Herbstwetter hinauf zum Watzmannhaus (1930 m). 1200 Höhenmeter waren mit Gepäck zu bewältigen. Unterwegs konnten wir uns auf der Mitterkaseralm (1400 m) noch ausgiebig sonnen, und dann überraschte uns eine winterliche Landschaft ab 1700 m. Vor dem Panorama der Watzmannfamilie gab es noch eine zünftige Schneeballschlacht und auf ging’s durch die Schneespur zum Watzmannhaus. Die letzten 50 Höhenmeter wurden in Tiefschnee und Eis bewältigt.


Vor der Hütte genossen wir noch die letzten Sonnenstrahlen und fütterten mit unseren Brotresten die gierigen Dohlen. Jeder von uns wünschte sich, das Wetter möge so bleiben, aber wir wussten ja von den Prognosen, dass ein Tiefdruckgebiet im Anmarsch war. Beim Ausblick des Anstiegs auf das Hocheck (2650 m) und der dortigen Schneelage war bereits klar: eine Überschreitung wird nicht mehr möglich sein. Wir hofften, dass wenigstens die Mittelspitze der Hauptgruppe (2713 m) machbar sein wird. In jedem Fall brauchten wir das Kletterset. Zu diesem Zweck wurde nach dem Abendbrot geübt. Überraschend gut beherrschten wir noch die Knoten und übten auch die Prusikschlinge. In der Nacht schliefen wir unruhig. Jeder hörte den Regen auf das Dach trommeln. Am nächsten Morgen standen wir pünktlich 7:30 Uhr vor dem Haus. Nebel und Nieselregen empfingen uns. Markus bemerkte zunächst gar nicht, wie diszipliniert wir waren, denn sein Blick ging zum nebelverhangenen Bergmassiv. Wollen wir uns den Aufstieg antun? Natürlich wollten wir, deshalb haben wir uns ja auf den weiten Weg gemacht. Jeder wollte doch erstmals oder erneut auf den Watzmann. Wir stapften also los. Markus spurte den Weg, denn durch den 20-50 cm tiefen Schnee waren der Aufstiegspfad und die Markierungen nicht oder sehr selten zu sehen. Je höher wir stiegen, desto stärker blies uns der Wind den Graupel ins Gesicht. Zum Teil hatten wir das Empfinden, Nadelstiche zu bekommen. Auch die Kälte nahm mit zunehmender Höhe zu. Zwischendurch riss der Nebel ab und zu mal auf, an Fernsicht war aber nicht zu denken. Dafür erklärte uns Markus an den Gesteinen deren Herkunft aus dem Meeresboden. Die Schalentiere haben hier ewige Spuren hinterlassen. Obwohl jeder in die Spuren des Vorgängers stapfen musste, ging es zügig voran. Nützlich war, dass wir das Kletterset schon am Körper trugen und uns die letzten Höhenmeter an einer Stahlseilversicherung einklinken konnten. Das Hocheck, der Vorgipfel, war geschafft. Für Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen wurde einstmals extra eine Erinnerungstafel errichtet. Die Sicht war gleich Null und der Wind pfiff kalt.
Wir waren froh, uns in einer Nothütte von „innen“ erwärmen zu können. Thomas hatte Geburtstag und ein Umtrunk zu diesem Anlass an dieser Stelle war angesagt. Uns fror jetzt schon beim Gedanken, noch 3 Stunden über den Grat am Klettersteig bis zur Mittelspitze und zurück zu klettern. Nachdem wir den Einstieg zum Klettersteig hinter uns hatten und die meisten über tropfnasse Handschuhe und kalte Finger und Füße klagten, mussten auch die Unverzagten dem Rückzug zustimmen. Der hohe Schnee, die Eisglätte an den Steinen, der nicht nachlassende Wind und das zeitraubende Gehen am Stahlseil forderten zur Vernunft auf. Der Rückzug brachte uns wieder in Bewegung, aber es gestaltete sich im unteren Teil wegen des Schnees im steilen Gelände schwieriger als der Aufstieg. Wir ließen uns aber nicht demoralisieren, bei schönem Wetter kann ja schließlich ein jeder guter Dinge sein. Der umsichtige Abstieg wurde belohnt, da mehrere Schneehühner uns gar nicht bemerkten und wir sie in aller Ruhe beobachten konnten. Am Nachmittag war für die meisten Ruhe angesagt, andere lasen bei Kaffee und Kuchen oder spielten Skat. Unsere „Alten“ hatten hier das Heft in der Hand, und die Jüngeren amüsierten sich köstlich über die „Fachausdrücke“ beim Skatspiel. Über Nacht bahnte sich ein kleines Zwischenhoch an, so dass Markus eröffnete, „Wenn es schon nicht mit dem Vater geklappt hat, dann soll es eben ein Kind der Watzmann-Familie sein, welches wir besteigen.“ Wir rüsteten frühmorgens zum Abstieg bis zur Falzalm. Auf dem Weg zur Kührointalm versteckten wir im Wald die Rucksäcke, naschten noch schnell die letzten Heidelbeeren und auf ging es mit leichtem Gepäck durch Latschen, Gebüsch und Gestein. Wie am Tag zuvor hatten wir auch jetzt Glück und entdeckten die selten gewordenen Birkhühner. Nach Verlassen des bewachsenen Teils des Aufstiegs suchten wir einen gangbaren Weg im Schnee. Ständig wurden wir von tiefen Mulden zwischen den Steinen überrascht und steckten plötzlich bis zum Bauch im Schnee.

Der Himmel riss zunehmend auf und das Gipfelkreuz des zur Besteigung auserkorenen Watzmannkindes blinkte in der Sonne. Berchtesgaden lag im Tal umgeben von der Kulisse der Hohen Göll, Hohen Brett, Jenner, Schneibstein und dem Hagengebirge. Je höher wir kamen, desto tiefer lag der Schnee, es war wie eine Gletschertour um die Mittagszeit. Als wir den Gipfel erreichten, zog sich die Wolkendecke wieder zu, aber für Momente, extra für uns, öffnete sie sich und gab den Blick frei auf die Ostwand und den Königssee. Schwänen gleich zogen die Schiffe an St. Bartholomä vorbei. Nun hatten wir für Minuten den Blick, den wir eigentlich von der Mittelspitze erwartet hatten. Es hat sich also gelohnt, auch ein Watzmankind zu besuchen, was sicher ganz selten ein Objekt für Bergfreunde ist. Der Abstieg wurde von Markus direkt an der Watzfrau vorbei gewählt. Mit viel Spaß und Gaudi im Schnee ging es zu den Rucksäcken zurück und weiter zur Kührointhütte. Dort werteten wir unsere Tour aus. Da das Wetter doch noch sehr schön wurde, nutzen einige von uns noch die Zeit zu einer abendlichen Wanderung zur Achenkanzel. Der Blick herunter zum Königsee mit dem Schwemmkegel vor St. Barthalomä, zur riesigen Watzmannostwand, die mit 2000 m die höchste Wand der Ostalpen ist, und das ferne Steinerne Meer mit der Schönfeldspitze lohnte sich. Wir sind guten Mutes, dass das Watzmann-Abenteuer eine Fortsetzung finden wird, vielleicht am Anfang des neuen Jahres am Großvenediger.