Teil 1 ( 20.05. – 23.05.2004)
Teuflisch schön, höllisch gut und hexenmässig verschlungen.
Weg der Dichter, des Wassers, der Wildnis und der Pforten zur Unterwelt.
![]()
Frühsommerwetter begleitete unsere 16 köpfige Gruppe beim Einstieg in den Harzer Hexenstieg. Von Jena kommend parkten wir in Buntenbock unsere Autos und fuhren mit dem Bus nach Osterode. Auf alten Handelswegen ging es von dort zu Fuß zurück nach Buntenbock. Entlang des historischen „Hundschen Weges“ erreichten wir den Eselsplatz mit einer Köhlerhütte aus schwarzen Holzstangen, wo wir eine Vesperpause einlegten. Die wärmende Sonne verlockte auf dem weiteren Weg zu einer nochmaligen Rast mit herrlichem Blick in das Lerbachtal. Auf schönen Waldwegen, vorbei am Bärenburger Teich, erreichten wir wieder Buntenbock, den idyllisch gelegenen Ortsteil von Clausthal-Zellerfeld. Per PKW fuhren wir nun zu unserem dreitägigen Übernachtungsort, der DAV-Hütte in Torfhaus.
Hüttenwirtin Jutta erwartete uns schon und wies uns unser Zimmer und den Aufenthaltsraum zu, beides mit „Brockenblick“. „Ja, für meine DAV-Gäste suche ich schon das Beste des Hauses heraus, denn für die Mitglieder ist ja diese Hütte da. Sie wird aber am meisten von Montainbikern genutzt, die nur Durchgangsreisende sind und die Unordnung im Gepäck haben, und da freue ich mich schon, wieder einmal eine Gruppe von Bergfreunden zu haben,“ meinte sie. Unser Blick aus den Fenstern betätigte ihr Angebot. Der Brocken zeigte sich in der Abendsonne mit dem Brockenhotel und den Sendemasten von seiner schönsten Seite.
![]()
Nachdem wir die Wetteraussichten für die nächsten Tage gehört hatten, trübte sich unsere Freude etwas. Sollten wir tatsächlich kein Wanderwetter haben? Wir änderten unseren Plan für den zweiten Tag, weil er besseres Wetter versprach und beschlossen, zuerst den Weg zum Brocken zu gehen.
Am Morgen war der Himmel bedeckt, der Brocken nicht zu sehen. Wir hofften trotzdem, gutes Wanderwetter zu bekommen. Es ging also weiter auf dem Hexenstieg, der bis zum Brockengipfel mit dem Goetheweg identisch ist. Auf ihm wanderten wir dem deutschesten aller Berge entgegen.
![]()
Hier erlebt man deutsche Geschichte ganz unmittelbar, gleichsam zum anfassen: die älteste Wetterwarte Deutschlands von 1895, das 3. Oberservatorium Deutschlands von 1939, Teufelskanzel und Hexenaltar (der Ort, an dem Goethe Dr. Faust die Walpurgisnacht verbringen lies), Betonfundamente der ehemaligen Grenzsicherungsanlage. Hier gibt es vegetative Besonderheiten, die daher rühren, dass der Brocken die einzige Erhebung eines deutschen Mittelgebirges ist, die einen natürlichen waldfreien Bereich besitzt, der eine subalpine Mattenvegetation entstehen ließ. Es gedeihen Eiszeitrelikte wie Brockenanemone und Brockenhabichtskraut. Das Klima ist rauh mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 2,6° C und 306 Nebeltagen im Jahr.
Wir spürten dieses rauhe Klima nun hautnah. Nachdem wir die Torflandschaft verlassen hatten, setzte uns der Regen immer mehr zu und ließ uns bis zum Gipfel keine Chance. Wir hatten einen von 306 Nebeltagen voll erwischt. Teufelskanzel und Hexenaltar verblassten in ihrer sonstigen Wirkung. Dafür spürten wir aber eine der Hauptbelastungen der Brocken-landschaft - den Touristenstrom (an manchen Tagen bis zu 30.000 Besucher!). In kurzen Abständen fauchte, pfiff und stampfte die Schmalspurbahn auf den Gipfel und spuckte oben die Touristenmassen aus, die sogleich auch die überfüllte Gastwirtschaft belegten. Diese Dampflokeisenbahnromantik hat eben nicht nur ihr nostalgisches Flair, sie nimmt dem Gipfel immer mehr ein Stückchen seiner urwüchsigen Natur. Es sollten einfach – wenn es denn schon sein muss – weniger Bahnen fahren. Der Goetheweg ist für jeden gesunden Menschen zumutbar und ein Plus für den Körper und den Geist. Aber wem sagen wir das!!!
![]()
Den Abstieg vom „Olymp des Nordens“ unternahmen wir bei nachlassendem Regen nach Drei Annen Hohne und fuhren von dort per Bus über Braunlage zurück zum Torfhaus. Wir waren trotz des widrigen Wetters zufrieden mit dieser Tour, hat sie uns den Brocken doch gezeigt, wie er wirklich ist, mit einem Klima, das dem in den Alpen bei ca. 2000m ü. NN vergleichbar ist.
Am Sonnabend setzten wir die Wanderung auf dem Hexenstieg über das Oberharzer Wasserregal fort. Björn, der die ganze Tour logistisch und inhaltlich sehr gut vorbereitet hatte, erklärte uns schon am Vorabend, was es mit diesem Wasserregal auf sich hat: ein filigranes, kunstvoll austariertes Wassersammel-, Wasserleit- und Wasserbevorratungssystem. Aber was ist die graue Theorie? Das Erlebnis der Wanderung entlang an diesem tausendjährigen Zeugnis der Bergbaugeschichte kann durch keine Erklärung ersetzt werden. Man muss es erlebt und gesehen haben. Der Genius der Menschen des Spätmittelalters und Barocks forderte uns Achtung und Bewunderung ab. Welch ein technisches Know-how unserer Vorfahren im 16.-18. Jahrhundert bei diesem weitläufigen System von 120 Teichen, 500 km Gräben und 30 km Wasserläufen zur Nutzung der Wasserkraft für den Harzer Bergbau war bereits vorhanden. Über 1000 Jahre wurden hier Silber, Blei, Kupfer und Eisen abgebaut. Das Oberharzer Wasserregal ist ein Relikt dieser Blütezeit des Bergbaus zwischen 1534 und 1864. Zurecht wurde dieses faszinierende Bauwerk für die Aufnahme in die UNESCO-Liste des Natur- und Kulturerbes der Menschheit vorgeschlagen.
Wir verließen das Wasserregal und traten in den Nationalpark Harz ein. Totholzbäume säumen den Weg, ein Werden und ein Sterben. Vor der „Steilen Wand“ gab es noch eine Stärkung. Dann ging es hinauf nach Torfhaus. In der abendlichen Sonne zeigte sich der „Olymp des Nordens“ in voller Pracht . Der gestrige verregnete Tag ist verziehen. Das Fotoshooting konnte noch stattfinden. Die Wasserregalwanderung war gelungen, kulturhistorisch beeindruckend und gleichzeitig von landschaftlicher Schönheit. Das Wetter passte und die Wege erinnerten manch einen von uns an Wanderungen entlang der Suonen in der Schweiz oder der Levadas auf Madeira. Das war vielen bekannt, aber dass wir in unmittelbarer Nähe unserer Thüringer Heimat so ein Kleinod haben, war eine echte Bereicherung unseres Wissens.
Am nächsten Morgen war Vivaldi komplett. Frühling, Sommer und Herbst hatten wir in 3 Tagen erlebt. Nun waren die Autodächer verschneit und ein düsteres Grau lag vor der DAV-Hütte. Schon kamen Stimmen auf, ob wir nicht doch lieber gleich.......? Björn hat das gar nicht wahrgenommen. Wir hatten ja noch einen Joker, die Achtermannshöhe (immerhin der dritthöchste Berg im Harz). Die kann man doch nicht einfach so stehen lassen, selbst wenn dieser Gipfel nicht auf dem Hexenstieg liegt. Nachdem die Autos für die Heimreise gepackt waren, fuhren wir zum Gasthaus „Königskrug“. Von dort erreichten wir, mit Mütze und Handschuhen geschützt, in 35 Min. den Gipfel. Der war natürlich leicht mit Schnee bedeckt. Der Himmel legte sein Grau ab und machte für uns den Blick zum Brocken frei. Dieser Abstecher hat sich gelohnt und war ein schöner Abschluss dieser Himmelfahrtstour zum Hexenstieg.
Im „Königskrug“ stärkten wir uns noch für die Heimfahrt, dankten Björn, der als Insider uns seine Heimat in bester Wanderqualität nahebrachte und bekundeten unsere Neugier auf den 2.Teil des Hexenstiegs.
Wir wollen wieder dabei sein – aber wenn möglich ohne Vivaldi-Wetter.