Am letzten Märzwochenende (27.03.03 bis 31.03.03) starteten in den frühen Morgenstunden 9 Bergfreunde mit Markus Fink zu den Hohen Tauern. Wetter und Fahrbedingungen waren so vielversprechend, dass wir glaubten, schon am frühen Nachmittag am Ziel, der Essener und Rostocker Hütte zu sein. So frohlockten wir, als wir in Kufstein die Autobahn verließen. Kurz vor Scheffau machte aber eines unserer Autos schlapp. Wir mussten bis Hinterbichl einen „Pendelverkehr“ einrichten. Die erste Mannschaft stieg vom Endparkplatz Ströden (1400m) am Nachmittag zur Hütte auf – ohne die Schneeschuhe, die ja bei Markus im letzten Auto waren. Diese Gruppe hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ab 1800 m ging der Schnee los und wir sanken immer tiefer ein. Unser Vorsprung schmolz wie Eis in der Sonne. Mit größter Mühe kletterten wir über einen mit Latschen bewachsenen Hang, immer wieder zwischendurch im Schnee versinkend.

Endlich hatten wir die Hütte (2200m) erreicht (siehe Karte). Inzwischen kam der „Rest“ mit den Schneeschuhen auch an . Gut, dass wir angemeldet waren. Die Hütte war brechend voll von Skitourengehern. Wir bezogen das Winterquartier, das sogar beheizt wurde und hatten dort auch Platz, um gemütlich zu speisen und zu trinken. Ach, hätten wir doch mehrere Liter Tee an diesem Abend getrunken, wir wären am nächsten Tag sicher besser drauf gewesen. Aber jeder sparte mit dem kostbaren Naß, weil die Toilette sich im Haupthaus befand, der Übergang dorthin total vereist und der Weg schwach beleuchtet war. Also hielten wir mit dem Trinken Maß.
Unser Ziel am nächsten Tag war die Kürsinger Hütte über das Maurertörel (3108m). Gleich hinter dem Winterquartier wurden die Schneeschuhe angeschnallt und die ersten Gehversuche gemacht, zumindest für die Gruppe, die Tags zuvor ohne diese aufgestiegen war.
Wer Skier, vor allem Langlaufskier gewöhnt war, kam sich schon komisch vor. Markus musste mehrmals auffordern, doch dieser Technik zu vertrauen und den Weg in der Falllinie zu nehmen, da die Stifte an der Sohle ein Rutschen verhindern. Es klappte immer besser und guten Mutes schritten wir durch das Kar dem Steilhang entgegen. Den schattigen Weg hatten wir nach 1½ Stunden hinter uns, dann brannte die Märzsonne bis zum Sonnenuntergang erbarmungslos auf uns hernieder. Anfangs freuten wir uns über die wärmenden Strahlen. Alle cremten sich ein, aber als wir am Abend in der Kürsinger Hütte halbverdurstet ankamen - wir hatten viel zu wenig am Vortag getrunken und viel zu wenig zum Trinken mitgenommen - sahen wir aus wie die Indianer. Doch zurück zur Tour. Der riesige Steilhang lag im makellosen Weiß vor uns. Wir arbeiteten uns bis zum späten Mittag zur Scharte in 3100m hinauf. Immer wieder blickten wir zurück und beneideten die Skitourengeher, die den Hang elegant hinunterwedelten. Manchem von uns tropfte schon neidvoll der Zahn, wie schnell ein Abstieg sein könnte. An der Scharte hoben wir Rucksäcke und Schneeschuhe über die Felsen und seilten uns zum Abstieg auf dem Gletscher ein. Uns war an dieser Stelle noch nicht klar, wie anstrengend das Bergabgehen mit den Schneeschuhen in der Seilschaft über den verschneiten Gletscher ca. 1000m bergab, auf 2200m, werden würde. Uns verzauberten die herrliche Landschaft und die gewaltigen Dimensionen. Langsam tauchte in der Ferne die Kürsinger Hütte auf. Es sah aus, also ob sie auf einem Felssporn klebt, zum Greifen nah. Großvenediger und Großer Geiger zeigten sich in voller Pracht. Es war Nachmittag, und da wir schätzten, dass nur noch 2 Stunden zu laufen wären, gönnten wir uns eine längere Pause.
Die enorme Sonneneinwirkung, der große Flüssigkeitsverlust, die zu schweren Rucksäcke (jeder wird auf Grund dieser Erfahrung für die nächste Tour an Gewicht sparen) und der sich hinziehende lange Weg um die Gletscher der „Türkischen Zeltstadt“ forderten nach der Pause ihren Preis. Nach dem Abstieg ging es wieder langsam hinauf auf ca. 2660m, dann wieder abwärts bis zur Hütte auf 2558m. Der Konditionsverlust wurde spürbar und das sonstige große Interesse an den Einmaligkeiten der Natur und das Festhalten dieser auf Zelluloid, lies nach. Jeder mußte sich anstrengen und hatte mit sich zu tun, einige bekamen große Probleme. Es hatten sich Blasen an Zehen und Fersen gebildet, der Mund war ausgetrocknet, ein Früchteriegel konnte nur noch mit Schnee gegessen werden, weil absolut kein Speichel mehr vorhanden war. Wir spürten die Anforderungen dieser hochalpinen Tour im ganzen Körper, und die Schwächsten von uns ganz besonders. Markus hat mit großer Besorgnis diese Situation beobachtet und beim Entkräftetsten für Marscherleichterung gesorgt.
Inzwischen ging die Dämmerung schnell in Dunkelheit über. Die Stirnlampen kamen zum Einsatz, von Ferne strahlte zum Glück endlich das warmrote Licht des Scheinwerfers der Hütte in den sternenklaren Himmel. Wir waren angekommen. Zuerst ging es nur um Flüssigkeit, dann genossen wir die behagliche Wärme dieser modernen Hütte, die fast Hotelcharakter hatte. Der noch immer wirkende Durst und unsere glühenden Köpfe ließen keine ruhige Nacht zu. Die meisten waren zum 5.00-Uhr-Frühstück noch wie gerädert, und die gemeinsame Entscheidung lautete: Ruhetag, Bettruhe für einige Stunden, Körperpflege und Kraft tanken für den nächsten Tag. Am Mittag saßen wir auf einem Felsen vor der Hütte und ließen es uns an Leib und Seele gut gehen. Die Blicke gingen zum Großvenediger und Großen Geiger und zum Weg, der am nächsten Tag das Ziel sein sollte. Die Nachmittagszeit verbrachten wir mit Yoga, Skat- und Schachspielen und Lesen. Auch das tut in den Bergen gut.
Der neue Tag ließ den Großen Geiger im sanften Morgenlicht erstrahlten als wir den Weg in südliche Richtung nahmen. Die meisten liefen nicht ohne Schmerzen, aber wir waren wieder erholt und voller Spannung auf den Tag. Die Spur war noch fest gefroren, als wir den ersten Nordhang querten, an dem vor Tagen Lawinen abgegangen waren. Markus mahnte zur Vorsicht. Einzeln gingen wir über diese Passagen. Ständig prüfte er den Schnee und erklärte die unterschiedliche Schneebeschaffenheit, besonders als wir über einen sonnigen Hang mussten. Die Schneebedingungen wechselten und mit ihnen die Techniken des Gehens. An einer festgefrorenen Stelle, kurz vor dem Obersulzbachtörl, setzten wir die Pickel zum überqueren ein. Glücklich und zufrieden erreichten wir den Paß. Er war für uns wie ein Gipfel. Das Panorama um uns war der Lohn für den Anstieg auf ca. 2900m. Nach einer gemütlichen Pause begann der Abstieg zur Johannishütte. Diesmal hat unser Wasserhaushalt gestimmt. Wären die Blasen an den Füssen nicht gewesen, hätte der Abstieg auf 2121m nur noch Spaß gemacht.
Auf der Johannishütte wurden wir schon erwartet. In gemütlicher Runde saßen wir noch beisammen, und ein jeder zog seine Bilanz aus diesen 4 Tagen. Unser Erlebnishorizont hat sich um diese Schneeschuhtour im alpinen Gelände erweitert. Die Anforderungen waren für jeden höher als erwartet. Keiner hatte vor der Tour geahnt, dass sie so anspruchsvoll sein würde. Der Umgang mit der Ernährung, Körperpflege sowie mit dem zu tragenden Gewicht wurde von allen selbstkritisch gesehen. Wir sind alle um einige Erfahrungen reicher geworden, haben erneut die Kraft der Gruppe gespürt und waren uns trotz vieler persönlicher Tiefs immer sicher, dass uns unser Bergführer gut ans Ziel bringen wird.
Die Aussage von Jean Paul: „Der Furchtsame erschrickt vor der Gefahr, der Feige in ihr, der Mutige nach ihr“ mußte am Ende jeder für sich beantworten.